interrobang
Mehrere Bücher und Ultrachrome K3
Drucke, Laminat und Lichterkette,
unterschiedliche Größen, 2017-2018

Ausstellungsansichten:
High Ends im Nassauischen Kunstverein Wiesbaden, 2018

Welcher Wirklichkeit nähern wir uns hier? Ist das eine Frage oder ist das ein Ausruf? Ein auf einem Sockel aufgestelltes Leporello, Bilder in einem Zeitungshalter, verschiedene Hefter; die Aufnahmen, die Rudi Weissbeck in mannigfaltiger Weise präsentiert, sind größtenteils während eines Aufenthaltes in Israel entstanden. Ergänzt wird das Ensemble der Bilder durch Textfragmente alltäglicher Erzählungen, die einem Drehbuch gleichen. Trotz der Formenvielfalt ist die Darstellung von Vollständigkeit weit entfernt, vielmehr ist es ein Einblick in die paradoxe Welt zwischen Tourismus und Gewalt, Alltag und Konfliktgebiet. Die Beschaffenheit der dortigen Realität, dieses Zeitgleich eigentlich unvereinbarer Lebenswelten, spiegelt das künstlerische Prinzip der Montage wider. Mehrere der Fotografien bestehen aus ineinander gesetzten Bildern, wodurch Verschiebungen und Unklarheiten entstehen. Weissbecks Arbeit interrobang zeigt, wie gut Schönheit und Unsicherheit koexistieren können; insbesondere aber, dass diese Wirklichkeit niemals einheitlich und vor allem nicht in ihrer Gesamtheit erfassbar ist.

· Hannah Katalin Grimmer für die Ausstellung Comment ai-je pu me perdre? im Goethe Institut Paris

Ein objekthaft aufgestelltes Leporello, mehrere kleinere Hefte, größere Blätter, auf Sockeln, Regalbrettern, tafelartig an der Wand – in unterschiedlichen gedruckten Formaten spielt Rudi Weissbecks Arbeit interrobang auf den impliziten Anspruch von Büchern und Zeitungen an, die Welt  zu erklären und festzuhalten. Sie alle fassen jeweils einzelne „Kapitel“ des fotografischen Konvoluts zusammen, ohne diese auch nur im Ansatz abzuschließen. Vielmehr dienen die Zusammenstellungen einer assoziativen Öffnung der Aufnahmen, die größtenteils während eines Aufenthaltes in Israel entstanden sind. Die Bilder zeigen Spuren verschiedener Lebenswelten in einer im mehrfachen Sinne geteilten alltäglichen Umgebung: Drohnen, Freizeitwelten, blaue Himmel, beeindruckende Natur und aufgedruckte Bilder dieser Natur auf Planen und Werbetafeln. In einer Art Realmontage des öffentlichen Raums zeigt sich die Ambivalenz der Orte zwischen beworbenem Tourismusmagnet und politischer Konfliktzone.

Wie um diese mal mehr, mal weniger friedlich nebeneinander koexistierenden Unvereinbarkeiten sichtbar zu machen, zieht sich das Verfahren des Montierens auf mehreren Ebenen durch die Arbeit. Viele Fotografien formieren sich aus mehreren an- und ineinander gesetzten Bildern, durch die sich minimale Verschiebungen und Überlappungen ergeben. Zudem fügt Weissbeck den Bildern kurze Texte hinzu, Andeutungen alltäglicher Erzählungen und Begegnungen, Hinweise auf mögliche Kontexte, die teils einem Drehbuch zu entstammen scheinen. Vereinzelte Fehldrucke mit übereinander gelagerten Bild- und Textebenen ergänzen die Konstellation. Aneinanderfügt als Reihe geben alle Fotografien jeweils für sich einen Ausschnitt aus der Welt, die sie abzubilden versuchen, wieder, aber fügen ihr zugleich eine weiteren Blick und eine mögliche Perspektive hinzu. Eine abschließende Übersicht gibt es nicht.

Ähnlich wie ein Tourist nähert sich der Künstler dem fremden Land als Gast und zugleich Eindringling, der versucht, sich zu öffnen, aber nie ganz aus der Besucherrolle herauskommt. Geprägt von medialen Versprechen und Berichten, persönlichen Ängsten und Sehnsüchten, ist der touristische Blick ein auswählender und ausblendender. Er versucht die Charakteristika eines Ortes einzufangen, indem er bestimmte Dinge übersieht; blickt auf Oberflächen und Details; erkennt Zusammenhänge und spürt Atmosphären. Und doch muss er notwendigerweise vor dem Überdruss wie auch seiner eigenen Voreingestelltheit kapitulieren.

interrobang verweist zwischen den Seiten auf das Paradox, dass die Oberflächen der uns umgebenden Räume desto glatter und rutschiger zu werden scheinen, je feiner wir die Filter unserer Wahrnehmung einstellen. Je näher wir hinschauen, desto weiter entfernen sich die Dinge. Je mehr Eindrücke wir sammeln, desto mehr wird uns bewusst, wie viel uns entgeht. Jenseits einer Möglichkeit zu Inbesitznahme und endgültigem Begreifen, zeigt sich die Vertiefung des Verhältnisses zu unserer Umwelt als dynamisches Wechselspiel von Annäherung und Entfernung.

· Ellen Wagner (Autorin, Kuratorin Kunstverein Mañana Bold)

Ausstellungsansichten:
Isenburger Schloss, 2017

Ausstellungsansichten:
Comment ai-je pu me perdre? im Goethe Institut Paris, 2018

© Rudi Weissbeck – Alle Rechte vorbehalten.